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Das Fenster schließt sich [2014]

Heute erreicht Windows XP sein von Microsoft vorgegebenes Lebensende. Tot ist das Betriebssystem aber noch nicht, sagt ein PC-Experte aus Radeberg. (Überregionale Ausgabe der SZ vom 8. April 2014)

Das Interview führte Andreas Rentsch

 

Herr Lehmann, wie schlimm wird es ab heute – dem Tag, an dem der Support für Windows XP eingestellt wird?

Nicht schlimm.

Wieso nicht?

Was soll passieren? Soll sich heute das supergroße Sicherheitsloch auftun, das Microsoft zehn Jahre übersehen hat? Und all die bösen Hacker nur darauf warten, das auszunutzen? Das kann doch nicht sein.

Microsoft hat gesagt: Leute, an diesem Datum müsst Ihr Euch orientieren, wenn Ihr noch mit diesem ziemlich alten Betriebssystem arbeitet. Jetzt ist es an der Zeit, auf ein neues umzusteigen.

Ich sehe das nicht so. Wer zu mir kommt, hat unabhängig vom Betriebssystem Probleme. Deshalb mag ich nicht sagen, XP ist zu alt und zu unsicher, nur weil es dieses Datum gibt. Es ist nicht so, dass mir die Leute ihre virenverseuchten PCs bringen und ich ihnen dann sage: „Wissen Sie, warum Sie diesen Ärger haben? Es liegt an XP.“ Nein, das ist nur ganz selten so.

Sondern?

Natürlich ist das System wichtig, aber nicht nur. Es braucht auch Antivirenschutz. Und selbst wenn der perfekt ist, müssen wir mitarbeiten, damit wir uns nichts einfangen. Also nicht auf alles klicken, was interessant ist, den Gesetzen zu widersprechen scheint oder P18 ist und erregt. Windows XP kann hier nicht schuld sein.

Warum hat immer noch ein geschätztes Drittel der Privatnutzer XP auf dem Rechner laufen?

Weil die Leute konservativ sind und nichts Neues haben wollen.

„Never change a running system“ – verändere niemals ein laufendes System...

Genau. Was aber eine gefährliche Ansicht ist. Natürlich verändere ich mein Betriebssystem. Um mein XP-System, was ich nicht weggeben werde, kümmere ich mich: Ich spiele die neuesten Versionen der Anwendungssoftware auf, nutze gute Antivirensoftware, bewege mich vorsichtig im Internet. Dann sollte nichts passieren.

Welchen Rat geben Sie einem Nutzer, der auch nach dem heutigen Stichtag weiter mit XP arbeiten will?

Er möge auf jeden Fall ein anständiges Antivirenprogramm verwenden oder sich eins anschaffen. Auch sollte er wissen, dass es Programme gibt, die nicht mehr für ältere, schwache Rechner geeignet sind.

Manche Anbieter von Antivirensoftware haben angekündigt, dass sie noch länger Support für XP-Nutzer anbieten werden – Kaspersky etwa bis 2016.

Die Leute müssen schauen, welche Versprechen ihnen die Hersteller da machen. Es soll sogar ein Produkt geben, das lebenslange Unterstützung verspricht. Aber das wird niemand nutzen. Windows XP wird es in fünf Jahren auf keinem Rechner mehr geben. Das Problem erledigt sich von selbst, wie seinerzeit bei Windows 2000.

Würden Sie grundsätzlich davon abraten, ab heute Onlinebanking auf einem XP-Rechner zu machen?

Nein. Wer aber ängstlich ist, sollte das System lieber wechseln. Ich weiß, dass Viren und andere Schadsoftware sehr raffiniert sein können und auch keinen Unterschied zwischen Betriebssystemen machen.

Zumindest sind häufiger welche auf Microsoft-PCs zu finden als auf Rechnern mit Linux oder Mac OS von Apple.

Mag sein. Fakt ist: Jeder muss für sich festlegen, mit welchem System er gern arbeitet.

Die meisten erwägen gar nicht, sich von Windows abzuwenden. Wohl auch, weil sie nie etwas anderes benutzt haben.

Ja, diese Bindung ist gewachsen. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass man es als Normalnutzer schafft, sich von Microsoft loszueisen und zu Linux zu wechseln. Man betritt eine total andere Welt. Die ist zunächst einmal unverständlich. Wer versucht, hinter die Kulissen von Linux zu schauen, muss sich komplett umstellen.

Sie raten Ihren Kunden also nicht, jetzt auf Linux umzusteigen?

Nein. Denn dann tauchen neue Probleme auf. Etwa die mit der Anwendungssoftware. Klar gibt es mit LibreOffice oder OpenOffice Alternativen zu Microsoft Office. Aber es fehlt zum Beispiel eine vernünftige Mail-Anwendung, die Outlook entspricht. Ich bezweifle, dass Thunderbird als Alternative zu Outlook taugt. Wenn Sie zehn Jahre mit Outlook gearbeitet haben, wollen Sie nichts anderes mehr. Wer dennoch in Linux reinschnuppern will, sollte sich Ubuntu, Open Suse oder Red Hat ansehen.

Wann sollte man als XP-Nutzer spätestens mit dem Umstieg auf ein neues Betriebssystem beginnen?

Die letzte Info bezüglich des Microsoft-Antivirenprogramms Security Essentials besagte, dass es noch bis Mitte Juli 2015 Aktualisierungen bekommen soll. Ich rate meinen Kunden deshalb zu dieser schlanken Software, weil die oft mit eher altersschwachen Rechnern zu mir kommen.

Wer sich für einen neuen Rechner entscheidet, bekommt ihn jetzt mit Windows 8. Das ist ein System, was eine völlig andere Benutzeroberfläche hat als XP, da es für Tablets ausgelegt ist. Wie groß ist die Umstellung?

Sehr groß. Windows 8.1 hat deshalb zumindest etwas Ähnliches wie den gewohnten Start-Knopf links unten. Das macht die Bedienung einfacher als bei Windows 8 mit seiner Kachel-Optik. Abhilfe schafft hier eine Software namens „Classic Shell“, die es auch in deutscher Sprache gibt.

Wenn man sich die Benutzerzahlen bei XP anschaut, dann dürften Sie sich demnächst auf viel Arbeit freuen.

Die habe ich jetzt schon. Ich versuche immer zu beschwichtigen und sage: Wir schauen uns die Sache an und überlegen, welche Wege wir gehen. Dass wir Windows XP irgendwann verlassen, ist klar. Sonst wären wir heute noch bei DOS 3.3.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.