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TV-Jurist recherchierte in Arnsdorf

Friedrich Karl Kaul schrieb ein Buch über das dunkelste Kapitel in Arnsdorfs Krankenhaus- Historie. Das Buch gilt als verschollen. Oder doch nicht? (Rödertalausgabe: SZ vom 7/8.1.2017 von Bernd Goldammer)

Samstag, 07.01.2017
TV-Jurist recherchierte in Arnsdorf
Friedrich Karl Kaul schrieb ein Buch über das dunkelste Kapitel in Arnsdorfs Krankenhaus- Historie. Das Buch gilt als verschollen. Oder doch nicht?

Von Bernd Goldammer

Der Radeberger Computer-Spezialist Klaus Lehmann (l.) übergibt ein verschollen geglaubtes Buch über Kranken-Morde an Thomas Fink-Schurig von der Arnsdorfer Initiative Gedenkkultur.
© Bernd Goldammer

Arnsdorf. Dass der aus dem DDR-Fernsehen bekannte Jurist Friedrich Karl Kaul eine Beziehung zu Arnsdorf hatte, ist nur wenigen bekannt. Mit seiner Sendung „Fragen Sie Professor Kaul“ arbeitete der 1906 geborene Jurist viele Jahrzehnte lang vornehmlich alltägliche Rechtsfragen der DDR-Tage auf und gehörte so zu den schillerndsten Juristen seiner Zeit. Doch abseits dieser Fernseh-Auftritte kümmerte er sich auch sehr intensiv um die Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte – der Nazi-Zeit. Das hatte mit seinen Erlebnissen zu tun. Hautnah erlebte er das Ende der Weimarer Demokratie. Innerhalb von sechs Wochen brach sie vor Kauls Augen zusammen. Die Reichtagswahlen vom 5. März 1933 brachten die NSDAP an die Macht. Bereits wenige Monate später waren die Folgen zu spüren; auch in Arnsdorf und in Liegau-Augustusbad. In Arnsdorfs Psychiatrischer Klinik und im Epilepsiezentrum Kleinwachau in Liegau. Denn im gleichen Jahr war von den Nazis das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen worden. Was letztlich zur industriemäßig organisierten Ermordung von psychisch Kranken führte. Dafür wurde damals die sogenannte Landeszentrale für die erbbiologische Bestandsaufnahme in den sächsischen Landesanstalten in Arnsdorf angesiedelt. Arnsdorf fiel damit die Rolle der „letzten Station“ vorm Tod zu. Patienten aus ganz Sachsen kamen nach Arnsdorf und traten von hier zu Tausenden den Weg ins Gas auf dem Pirnaer Sonnenstein an.

Unterstützung aus Radeberg

Nach Kriegsende begannen die Siegermächte mit den Ermittlungen gegen die Täter. Und der aus der Emigration zurückgekehrte Jurist und Schriftsteller Karl Friedrich Kaul verfolgte die Prozesse. Gelegentlich trat er gar als Nebenkläger auf. Seine Eindrücke und Beobachtungen hatte er in einem 1973 erschienenen Buch unter dem Titel „Nazimordaktion T4“ zusammengefasst. Das Buch erschien beim Berliner Verlag Volk und Gesundheit. Allerdings nur in einer sehr spärlichen Auflage von gerademal 5 000 Stück. Wer den antifaschistischen Habitus der DDR kannte, fragt sich nach dem Grund für diese geringe Stückzahl. Es hängt wohl mit dem Versuch der Entspannung zwischen Ost und West zusammen, die DDR trat der Uno bei, es sollte wohl niemandem im Westen „auf die Füße“ getreten werden.

Aber seit einiger Zeit wird in Arnsdorf dieses schlimme Kapitel der Historie aufgearbeitet. Und für die Gruppe um Thomas Fink-Schurig ist dieses Buch Kauls ein wichtiger Mosaikstein; auch als Beleg. Doch zu kaufen gibt es das Werk längst nicht mehr. Aber die Arnsdorfer bekommen Unterstützung aus Radeberg. Vom Computer-Spezialisten Klaus Lehmann, der ja bekanntlich eine Software für Bibliotheken entwickelt hat und selbst gelernter Bibliothekar ist. Er hat umfangreich recherchiert, um ein Exemplar für die regionale Geschichtsaufarbeitung zu finden. „In deutschen Antiquariaten war aber kein einziges Exemplar zu verkaufen“, beschreibt er. Stieß dann aber auf den Buchtitel „Die Psychiatrie im Strudel der Euthanasie“. 1979 war es in der Europäischen Verlagsanstalt Köln erschienen. „Mir fiel auf, dass dieses Buch Karl Friedrich Kaul als Autor benannte und dass es die gleiche Seitenzahl umfasste“, so Klaus Lehmann. Und der Vergleich ergab, dass nur das Vorwort des DDR-Gesundheitsministers weggelassen wurde. Der Rest ist identisch. Und so konnte Klaus Lehmann das Buch nun übergeben.